top of page

ADHS Verstehen

  • Horst Rumpf
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Kinder machen nicht mehr mit – sie verweigern in bedenklich ansteigender Häufigkeit ihre sinnlich-körperliche Anwesenheit. Sie zappeln, sie rasen, sie sind nicht dabei, wenn es etwas zu hören, zu sehen, zu spüren gibt. Beängstigend für die Erwachsenen wahrzunehmen…

In einem Zeitalter, das sich der ominösen Größe Wissenschaft als Wahrheitsquelle verschrieben hat, haben alle Erklärungen eine erste Chance, die verheißen, ein aufregendes Phänomen mit technischen Mitteln in den Griff zu bekommen. Was die Normalität des körperlichen Verhaltens in so auffälliger Weise stört, wird zur Krankheit erklärt – und gegen Krankheiten mobilisiert eine medizinisch ferngesteuerte Gesundheitsindustrie zu verschreibende Medikamente. Eine umfängliche Forschung hat Wirkungszusammenhänge zwischen empirisch dingfest zu machenden Faktoren – etwa Störungen in Verschaltungsprozessen des Frontalhirns oder erbbiologisch vermittelten Anomalien – und den beobachtbaren Unruhezuständen bei Kindern aufzudecken. Zudem wird das skandalöse Phänomen – was kann eine Erwachsenengeneration mehr verstören, als dass ihr Kinder auffällig oft buchstäblich entgleiten, sich aus der gemeinsamen Lebenswelt ausklinken – durch ein wissenschaftliches Fachkürzel entschärft und normalisiert: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung). Spezialisten zur professionellen Behandlung stehen bereit – mit einer gigantischen Pharmaindustrie im Rücken. Somit ist das beunruhigende Phänomen, wenn nicht aus der Welt geschafft, so doch Experten zur Ursachenbeseitigung, sprich Therapie, überantwortet. Und diese dekretieren: „Wenn das diagnostizierte ADHS-Kind kein Ritalin einnimmt, kann es im Regelschulsystem nicht länger gehalten werden“ (Olde, ADHS verstehen?, 2010, S. 230).

Der normale Laie kann sich bei so viel Expertise die Hände in Unschuld waschen. Er ist letzterdings nicht zuständig für das, was da vielleicht seinem eigenen Kind widerfährt wie ein Schicksalsschlag – und wie damit umzugehen ist.

Es ist das nicht hoch genug einzuschätzende Verdienst der mit stupender Gründlichkeit und Sachkenntnis gearbeiteten Studie von Valeska Olde, dass sie aus diesen bequemen Denkgewohnheiten aufstört. Denn es sind Bequemlichkeiten, die das Nachdenken und die Kritik bezüglich der uns umgebenden Lebensumstände einschläfern. Dies geschieht, wenn man sich damit bescheidet, die alarmierenden Züge des Wirklichkeitszerfalls bei Kindern schlicht als Krankheit einzuordnen und so von sich wegschiebt. Olde macht – auch unter Hinweis auf die Hirnforschung von Gerald Hüther – bewusst, dass physiologische Mechanismen in diesem Feld nicht als Letztursachen gelten können, da ihr Ingangkommen wesentlich von sozialen Faktoren und Umwelterfahrungen abhängt: Angst, Stress, Isolierung, Unsicherheit, Überforderung. Vollzieht man diese Blickwende von anonymen Naturfaktoren hin zur lebensweltlichen und leibgebundenen Erfahrung konkreter Menschenkinder, erscheinen die alarmierenden ADHS-Phänomene nicht mehr als schicksalhaft einbrechende Symptome blind ablaufender Prozesse, die nur noch medikamentös zu beeinflussen sind. Vielmehr werden sie als Symptome lesbar, in denen Kinder widerspiegeln und zurückgeben, womit wir und unsere Tempogesellschaft sie unentwegt imprägnieren.

Zudem gibt es medikamentös verursachte Ruhigstellungen, die teuer erkauft sind – durch die Dämpfung und Narkotisierung jener spontanen Lebendigkeit, die sich auf das Spiel der Erscheinungen einlässt.

Die kindliche Leiblichkeit – Olde macht dies anhand reichhaltiger, phänomenologisch inspirierter Menschenforschung deutlich – ist weder äußerliches Futteral noch technisches Instrument im Dienst schleuniger Weltbewältigung. Sie ist Membran und Organ der Weltfühligkeit. In ihr spielt sich ein, wie Menschen ihre Welt und sich selbst in ihr wahrnehmen und Gegenwart gewinnen. Wenn kaum zu leugnen ist, dass vorherrschende Tendenzen unserer Schul- und Erziehungspraxis dem Nachwuchs über viele Kanäle einflößen, dass es in allem Lernen und jeder Weltzuwendung darauf ankommt, schneller zu sein als andere – schneller auch, als es die eigene Leiblichkeit vorgibt –, dann ist diese Vergötzung von Geschwindigkeit als zentrale Ursache vielfältiger Verstümmelungen menschlicher Weltaufmerksamkeit zu entziffern. „Denn ist nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? / Zu sagen: ausgenommen, was die Kirch an Kindern tut“, heißt es bei Lessing (Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise, IV/2).

Kinder können sich nicht wehren gegen das, womit sie selbst die noch so wohlmeinende Erwachsenengesellschaft bombardiert.

Man erwäge, was an Bildern, Worten, Geräuschen – an Eindrücken, Forderungen, Verführungen, optisch, akustisch, haptisch, elektronisch – Tag für Tag auf Kinder einprasselt, und rede dann noch von gewaltloser Erziehung. Groteskerweise tragen gerade wohlmeinende Erziehungsbemühungen wesentlich dazu bei, Kinder permanent auf Trab zu bringen und zu halten – als sei jede Aktivität, jede Betriebsamkeit bereits ein Zeichen von Lebendigkeit. Es gibt auch eine Pädagogisierung zu Tode. Vielleicht müssen wir wieder lernen, Kindern zu erlauben, sich selbst und ihren Leib in der Welt zu finden.

Das Buch von Valeska Olde untergräbt mit erheblichem theoretischem und empirischem Aufwand die Selbstsicherheit einer Position, die medikamentös zu bekämpfen sucht, was mit guten Gründen als Wirkung einer verhetzten Gesellschaftspraxis zu deuten ist. Einer Lebenspraxis, von der Günter Anders sagte: „Was immer Dauer erfordert, dauert zu lang“ (Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 2, München 1980, S. 338). Was allgegenwärtige Beschleunigungszwänge und -apparaturen anrichten, lässt sich gerade an Kindern ablesen, die es nicht mehr bei sich selbst aushalten können.

In der auf Wirtschaftsfragen fokussierten „Financial Times Deutschland“ erschien am 20.01.2010 der Artikel „Die Rendite der Entmenschlichung“. Er liest sich wie ein Kommentar zu Oldes Analysen – eine Bestätigung aus scheinbar ganz anderer Ecke: „Gleichwohl verlangt unser ökonomisches System – und noch kennen wir kein besseres –, dass wir unablässig mehr konsumieren, damit Massenarbeitslosigkeit und Verelendung abgewendet werden können. So wird aus der ökonomischen eine Sinnkrise, von der Ausbeutung der Erde ganz zu schweigen. Was wir eigentlich bräuchten, wäre eine ökonomische Theorie des Schrumpfens. Unter anderem müsste sie daran ansetzen, dass wir in der Schule nicht mehr nur Produzenten und Konsumenten heranziehen, sondern Menschen das Menschsein lehren“ (Financial Times Deutschland, 20.01.2010).

(Valeska Olde, ADHS verstehen? Phänomenologische Perspektiven, Budrich Unipress, Opladen & Farmington Hills MI 2010, ISBN 978-3-940755-70-4, S. I–III).

bottom of page