top of page

Die Jagd nach dem Glück in der Gegenwart

  • Thomas Fuchs
  • 11. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Feb.

Das Erleben von Glück ist offenbar gebunden an ein Heraustreten aus dem Getriebe der expliziten, äußerlichen Zeit – also der Zeit der Zwecke und Ziele, der Planungen, Projekte und Termine. Es bedeutet das Eintauchen in eine tiefere Schicht der Zeit, die sich in der Gegenwart eröffnet und die umso erfüllender erfahren wird, je mehr an gelebter Zeit diese Gegenwart in sich versammelt und integriert.

Werfen wir nun von da her noch einen Blick auf die gegenwärtigen westlichen Gesellschaften, so sind sie einem Glückserleben im tieferen Sinne offenbar nicht gerade förderlich. Der französische Philosoph Paul Virilio hat sie als „Dromokratien“ beschrieben, als „Herrschaften des Wettlaufs“. Diese Gesellschaften kennen keinen Stillstand, kein Verweilen; unentwegte Aktivität, technischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum sind die obersten Gebote. Die Zeitabläufe, die früher noch dem menschlichen Leib und den Lebensprozessen angemessen waren, haben sich verselbstständigt. Die Zeit des Lebendigen wird abgelöst von der Geschwindigkeit des Unbelebten, nämlich der Daten, der Bilder und Finanzströme, die sich beliebig beschleunigen lassen. Kampf mit der Zeit, rastlose Ungeduld und Getriebenheit sind typische Merkmale der Menschen in der postindustriellen Gesellschaft. Die Gegenwart genügt nicht; sie zeigt nur, was noch fehlt und was noch möglich wäre.

Der Zwang zur Beschleunigung, der Wettlauf mit der Zeit, unter dem wir heute leiden, resultiert letztlich aus dem Kampf gegen die Endlichkeit; er ist gewissermaßen eine „Flucht nach vorn“. Um die Lebensausbeute in der Frist bis zum Tod zu erhöhen, müssen wir das Rad von Innovation, Produktion, Konsum und Verbrauch immer rascher vorantreiben. Die bedächtige, zyklisch wiederkehrende Zeit der Natur und des Lebens wird ersetzt durch beschleunigte Zeit. Es geht gleichsam darum, in einem Leben möglichst zwei, drei oder mehr Leben unterzubringen. Das ist letztlich auch das Motiv des faustischen Teufelspakts: durch Beschleunigung, durch Kunstgriff der Magie oder Technik „Zeit zu gewinnen“, um mehr Wünsche und Möglichkeiten realisieren zu können. „Der Teufel weiß, dass er wenig Zeit hat“, heißt es in der Offenbarung (Offb 12,12), und wie Faust gelangen wir nicht mehr in dem Augenblick an, um in ihm zu verweilen.

Die Konsequenz der Beschleunigung besteht darin, dass die erfüllte Gegenwart durch die fortwährende Suche, die Jagd nach dem Glück ersetzt wird. Seit Beginn der Moderne hat sich das Glück aus einem Zustand in etwas verwandelt, das man aktiv suchen und anstreben muss – „the pursuit of happiness“ wurde als Grundrecht in die amerikanische Verfassung aufgenommen. Das aber bedeutet, wie Zygmunt Bauman schreibt, dass das Glück immer mehr in die Hoffnung verlagert wird, eines Tages glücklich zu sein. Im Zustand des Auf-der-Suche-Seins, von Sehnsüchten getrieben, sind die Individuen zu endloser Bemühung und Hoffnung auf Erfüllung verurteilt, und diese faustische Unrast lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Denn Ruhe verbinden sie nicht mehr mit Glück, sondern mit Langeweile; Glück ist dann keine Ruhe, sondern ein Erregungszustand.

(Thomas Fuchs: Verkörperte Gefühle. Phänomenologie der Emotionen. 2., durchgesehene Auflage. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025, S. 403–405.)

 
 
bottom of page