Sensibilität
- Paul Valery
- 7. Sept. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Leben ist, wohlgemerkt – trotz der sehr verbreiteten Ansicht, trotz des Eindrucks, den uns Zeitungen, Theaterstücke und Romane machen wollen –, im Grunde eine ziemlich eintönige Angelegenheit. Zu Unrecht sagt man von einem Theaterstück oder einem Buch, es sei lebendig, wenn es ungeordnet ist, wenn es Unvorhergesehenes bietet, Spontanes, Aufsehenerregendes, Wirkungen, die uns erregen … Das sind nur oberflächliche Merkmale, Schwankungen der Sensibilität. Der Kern dieser Äußerlichkeiten, die Substanz dieser Akzidenzien, ist vielmehr ein System von Perioden oder Zyklen, von Umformungen, die sich außerhalb unseres Bewusstseins vollziehen und im Allgemeinen im Schatten unserer Sensibilität bleiben.
Im Geist bringen Gedächtnis, Gewohnheiten und Automatismen jeglicher Art dieses tiefe und gleichbleibende Leben zur Darstellung. Doch die unendliche Vielfalt der äußeren Umstände findet in ihm Hilfsquellen höherer Ordnung, denn seine eigentliche Aufgabe ist es, Veränderungen hervorzurufen.
Dadurch entfaltet der Geist in seinem immer weiteren Bereich das fundamentale Gesetz der Sensibilität – oder zumindest das, was ich für ihr fundamentales Gesetz halte –, nämlich in das lebendige System ein Element des ständig Bevorstehenden einzuführen, eine fortwährend drohende Unbeständigkeit.
Unsere Sensibilität bewirkt, dass sie in uns in jedem Augenblick jene Art von Schlummer unterbricht, die sich mit der grauen Monotonie der Funktionen des Lebens abfinden würde. Wir müssen in jedem Augenblick durch Unregelmäßigkeiten, durch Ereignisse unserer Umwelt, durch Veränderungen unseres physiologischen Ablaufs geschüttelt, gewarnt, geweckt werden. Dafür besitzen wir Organe, ein ganzes spezialisiertes System, das uns unvermutet und sehr häufig an das Neue erinnert und uns dazu drängt, die Anpassung zu suchen, die dem jeweiligen Umstand, der Haltung, dem Tun, der Orts- oder Formveränderung entspricht – sei es, um die Wirkungen der Neuheit zunichte zu machen oder sie zu verstärken. Dieses System ist das unserer Sinne.
Der Geist entlehnt also von der Sensibilität, die ihm ihre Zündfunken zukommen lässt, jenen Charakter notwendiger Unbeständigkeit, der sein Umwandlungsvermögen überhaupt erst in Gang setzt.
(Zur Zeitgeschichte und Politik, Band 7 der Frankfurter Ausgabe, Suhrkamp 2021, S. 89–90).
