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Zeit – Was sie aus uns macht und was wir aus ihr machen

  • Rüdiger Safranski
  • 11. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Feb.

Es ist genau diese Rahmung, dieses Herausschneiden aus der Alltäglichkeit, was der Kunst ihren besonderen Augenblickscharakter gibt. Erst so, als ästhetische Ausnahme, kann dieser Augenblick eine magische Anziehung ausüben. Man fällt für Momente aus der eigenen Zeit und wird von einer anderen Zeit berührt – bis hin zum Gefühl, in einem Bild, in einer erzählten Welt, in konfigurierten Klängen verschwinden zu wollen, als würde dort eine Art Erlösung auf uns warten. Das Kontinuum der sonstigen Zeit ist durchbrochen; es öffnet sich eine Pforte zu einer anderen Welt. Da wir durch sie immer wieder eintreten können, da sie gleichsam auf unseren Besuch wartet, da sie einen aufnimmt, wenn man kommt, und einen entlässt, wenn man geht, verbinden wir mit ihr den Eindruck von etwas Bleibendem, das der Zeit, in der sie wie alles andere treibt, doch auch widerstehen kann. Das ist die kleine Ewigkeit des Augenblicks der Kunst. Es ist eine kleine Ewigkeit auch insofern, als darin der Geist eines Künstlers überlebt und den Nachgeborenen einen geistigen Raum eröffnet, den sie betreten und in dem sie sich aufhalten können. (…) Und wo wir in seinem Geist versammelt sind, also ihn lesen, ist er mitten unter uns.

(Rüdiger Safranski: Zeit – Was sie aus uns macht und was wir aus ihr machen. 3. Auflage. München: Carl Hanser Verlag, 2017, S. 235.)

Für Sokrates ist Seele mehr als nur Stimmung und Gefühl, also „Psyche“ im heutigen Verständnis; sie ist vielmehr das Lebensprinzip des Geistes. Eines Geistes, der im Spannungsverhältnis zur körperlichen Wirklichkeit steht. Dort gibt es das Werden und Vergehen, die Macht der Zeit. Der Geist aber kann sich ein Stück weit vom Wechsel und Wandel lösen. Eine mathematische Gleichung gilt immer und an jedem Ort. (…) Ein Gedanke nährt sich zwar von den wechselnden Sinneseindrücken, aber er hat die Tendenz, sich von ihnen zu lösen: Er kann abstrahieren. Er gewinnt damit eine von den Sinnen und ihrer Zeitabfolge unabhängige Beweglichkeit, die ihm eine Souveränität verleiht, mit der er sogar die Sinnenwelt partiell beherrschen kann. Zusammengenommen bedeutet dies: Der Geist vermag die verkörperte Wirklichkeit zu transzendieren. (…)

Der platonische Sokrates und die von ihm begründete Metaphysiktradition suchen also die Unsterblichkeit der Seele in der Selbsterfahrung des Geistes, der sich seines transzendierenden Vermögens bewusst wird. Entscheidend ist nicht, was man sich zur Begründung der Unsterblichkeit der Seele ausdenken kann. Der platonische Sokrates denkt sich auch einiges aus; vier Beweise trägt er zusammen, die von seinen Schülern angezweifelt werden und denen er selbst nur eine Wahrscheinlichkeit zubilligt – einen „Notkahn“ nennt er sie. Am Ende bleibt es dabei: Die Verlässlichkeit liegt im transzendierenden Akt des Denkens selbst und nicht in den einzelnen Beweisen. In der Perspektive der Befreiung von der Zeit ist der Platonismus der Versuch, das Ewige im zeitlich gebundenen Menschen zu entdecken – und zwar in der Gestalt der Selbsterfahrung eines Geistes, der sich die Loslösung vom Körperlichen zutraut. (…)

Die Idee von der Unsterblichkeit der Seele wird allerdings unzureichend verstanden, wenn man in ihr nur die Spekulation über eine ominöse Zukunft sieht. Vielmehr handelt es sich vor allem um das Innewerden einer Qualität, die nicht künftig, sondern schon jetzt erlebt und gelebt werden kann und soll.

(Rüdiger Safranski: Zeit – Was sie aus uns macht und was wir aus ihr machen. 3. Auflage. München: Carl Hanser Verlag, 2017, S. 239–240.)

… denn das Bewusstsein erfährt sich nicht nur von innen; es kann sich auch von außen sehen und zum Gegenstand machen. Das geschieht immerzu, und diese distanzierende Sichtweise bringt die objektivierenden Wissenschaften hervor. Aus dieser Perspektive aber ist die Welt eine des Werdens und Vergehens und der Sterblichkeit, von der auch der Geist selbst, der all dies zu erfassen vermag, betroffen ist. Die Welt ist im Kopf – der Kopf aber auch in der Welt.

(Rüdiger Safranski: Zeit – Was sie aus uns macht und was wir aus ihr machen. 3. Auflage. München: Carl Hanser Verlag, 2017, S. 242.)

 
 
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