Contra IMI für psychische Störungen
- Timo Becker
- 2. Sept. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Berlin – Mit fortschreitender Digitalisierung werden zunehmend internet- und mobilbasierte Selbstmanagement-Interventionen (IMI) für psychische Störungen angeboten, vornehmlich bei leichten bis mittelschweren Depressionen oder Angsterkrankungen. Beispiele dafür sind die von diversen Krankenkassen angebotenen Programme Deprexis oder moodgym, iFightDepression von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe oder auch Apps, die sich jeder herunterladen kann, wie zum Beispiel moodpath. Befürworter und Bedenkenträger solcher Anwendungen halten sich zurzeit die Waage.
Timo Beeker, Assistenzarzt an der Hochschulklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Brandenburg, schreibt als „Bedenkenträger“:
Unspezifisch konstruierte Eingangstests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfsbedarf.
IMI für psychische Störungen werden medial und in der Fachwelt oftmals einhellig begrüßt. Dabei gerät jedoch allzu leicht aus dem Blick, dass es sich bei ihnen nicht nur um ein Hilfsangebot handelt, sondern auch um ein lukratives Geschäftsmodell, hinter dem Start-up-Unternehmen und Investorengelder stehen.
Besondere Skepsis ist gegenüber sogenannten Psychotherapie-Apps angezeigt, die versprechen, vollautomatisiert eine ähnliche Wirkung wie eine herkömmliche Verhaltenstherapie zu erzielen.
Bereits aus dem Aufbau dieser Anwendungen wird der Einfluss expansiver Marktlogik ersichtlich: Unspezifisch konstruierte Eingangstests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfsbedarf. Dadurch werden gezielt Menschen angesprochen, die lediglich unter lebensbedingten oder stressassoziierten Allgemeinbeschwerden leiden. Nichtsdestotrotz erfolgt die Interaktion mit den Programmen unter der Hypothese, die subjektiven Beschwerden seien in Wirklichkeit Symptome einer Erkrankung. Diese subtile Umdeutung des eigenen Befindens kann schnell in Selbstpathologisierung umschlagen. Spätestens wenn die Beschwerden nachlassen – was ohnehin zumeist spontan geschieht –, scheint der Beweis erbracht, dass man wohl tatsächlich krank gewesen ist. Diese per self-fulfilling prophecygewonnene Überzeugung sichert die zukünftige Kundentreue und erhöht zugleich das Risiko, dass User auch im analogen Gesundheitssystem eigentlich inadäquate Diagnosen erhalten.
Angesichts des expandierenden psychiatrischen Versorgungssystems und der inflationären Vergabe psychiatrischer Diagnosen sollte dies Anlass zur Sorge bieten. Ähnlich wie der Antidepressiva-Boom der 1990er-Jahre könnten IMI für psychische Störungen eine neue Welle der Psychiatrisierung von Gesellschaft und individuellen Lebenswelten auslösen.
(Pro und Contra: Sind internet- und mobilbasierte Interventionen sinnvoll bei psychischen Störungen?, Deutsches Ärzteblatt, Dienstag, 19. März 2019, © PB/aerzteblatt.de).

