Kündigung des Familienvertrages
- Peter Sloterdijk
- 25. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Ich kündige hiermit den Familienvertrag, der bisher die Schritte meines Lebens mit seinen heimtückischen Bestimmungen und seinen mir selbst unverständlichen Klauseln beherrscht hat.
Liebe Gluckenmutti, du traurige, du arme, du vom Leben gehetzte, benachteiligte, vom Stiefvater unterdrückte Mutti, du einsame, zerstreute Frau: Dein Sohn, dein Säugling kann dein Unglück nicht tragen. Einmal, als die Wände zwischen uns noch sehr dünn waren, wie lebendige Häute, gab es einen Austausch zwischen uns, einen Verzweiflungsaustausch. Neun Monate durfte ich an deiner Brust trinken – Milch und Resignation. Ich gab dir meinen Lebensmut, so viel ein Säugling hat, dieses wahnsinnige Daseinwollen in der Lust. Von da an hatte ich nichts mehr. Ich gehörte nicht mehr mir. Ich war zum Verbündeten eines riesigen Meeres von Traurigkeit geworden, von dem ich mich nie trennen durfte, um es nicht noch trauriger zu machen.
Ich opferte jeden eigenen Willen, um deinen herrischen Schmerz nicht über mir heraufzubeschwören. Ich wurde gehorsam, ich wurde dein Bübchen. Dein guter Wille schwebte über mir wie eine dunkle Wolke. Ich wollte dich zufrieden machen, aber da du nur zufrieden sein konntest, wenn du die große Fürsorgende bleiben durftest – auch in den Jahren, in denen ich nicht Fürsorge, sondern Lebensfreude, Kraft, Vorbilder, Kritik, Sinnlichkeit und Liebesnähe gebraucht hätte –, ließ ich dich gewähren und mich verkümmern, klein bleiben, verwöhnen. Der Solidaritätsvertrag mit deinem Schmerz galt mehr als mein Wachstumsdrang.
Ich wuchs heimlich, in Innenwelten, in verborgenen Beziehungen. So wurde ich ziemlich groß – von dir unbemerkt. Später verband ich mich, ohne selbst zu wissen, welcher Notwendigkeit ich gehorchte, mit depressiven Frauen, aus deren Gesichtern zuweilen verzweifelte Kinder blickten, die ich zu trösten und aufzuheitern versuchte. Wir wurden Hänsel und Gretel, verlorene Kinder.
Ich gewöhnte mich daran, so wie in Urzeiten, mit einer Frau zusammen nur eine gemeinsame Seele zu haben, zu zweit ein Leben. Seit Jahren mühe ich mich nun ab, ein Einzelwesen zu werden, zu Ende geboren, abgenabelt, genug versorgt, ausreichend bestätigt, auf eigenen Beinen. Ich muss mich mit dem Gedanken versöhnen, dass das liebste, nächste Leben neben mir seiner Wege gehen und sterben kann, ohne dass ich selbst sterbe. Allmählich begreife ich es.
Es ist, als ob sich in meiner Brust eine zusammengekrampfte Faust öffnete. In dieser Faust steckt ein Treue- und Racheschwur und eine Verzweiflung: die unendliche Treue zu dem, was mich zerstört, und die unendliche Wut, die den Pakt mit dem Schmerz, der vor mir war, sprengt. Ich möchte die Faust öffnen, die Verweigerung beenden; ich möchte mich versöhnen – mit dir, Mutti, mit dem Leben, mit mir selbst.
Lieber ferner Papa, der du so früh abgehauen bist, du armer Prolet, du resignierter Riese mit deinen Seemannstätowierungen auf deinen ungeheuer starken Armen, die tausend Kohlensäcke in einer Akkordschicht schleppen konnten. Du warst so stark, so schön laut und derb; es ist ein gutes Gefühl, von dir abzustammen wie von einem gesunden großen Baum. Und doch warst du nicht stark genug, um die Verachtung zu tragen, die dich in unserer gehüteten Familie traf.
Für einen Zoooberinspektor a. D., den Schwiegervater, und für eine Landauer Rektorentochter, die Schwiegermutter, bliebst du immer ein ordinärer Tropf. Nach dem Krieg durftest du Essen organisieren und in Nachtfahrten schwere Lastwagen heimlich über Pontonbrücken über den Rhein lenken, um etwas für uns zu beschaffen. Du warst unten und bliebst unten. Aber ich, dein Kind, war unter dir und sah zu dir auf.
Ich folgte dem Blick deiner hellblauen Augen, die ich auch habe, wenn du am Küchentisch saßest, rauchtest und in die Ferne schautest. Ich wurde dein Verbündeter. Niemand sollte das Recht haben, dich zu verachten und zu verleugnen. Aber wie es „unter Männern“ so geht, fiel zwischen uns kein Wort darüber. Dass eine solche Art zu leben zu Pfusch werden musste, spürtest du wohl und bist rechtzeitig für dich gegangen.
Was sollte aus unserem Vertrag werden? Ich wollte für dich kämpfen, an deiner Seite so groß sein wie du und dich heraushauen, um ein einziges Mal von dir diesen Blick der Liebe und Anerkennung zu bekommen, den du in meinen Augen hartnäckig übersahst. Das war schrecklich: Ich bewunderte dich, aber du warst schon blind von Argwohn und Verachtung. Du hast die Wut in dich hineingefressen und dir zwei Drittel des Magens herausschneiden lassen. Du hast mich annulliert.
Was du nie bekamst, konntest du nicht geben. Du warst voller Kraft, aber zur Unwichtigkeit verurteilt, ein bedeutungsloser Riese. So geriet ich in die Falle eines unmöglichen Vertrages. Ich sollte und wollte dich rehabilitieren, das heißt für jemanden kämpfen, der mich immer mehr übersah. Ich war einem Gleichgültigen treu. Ich strengte mich an und spürte deine Missachtung. Ich wurde mit größter Mühe etwas, das dir völlig egal war.
So geriet ich in einen Wettlauf zwischen Treueanspannung, Anerkennungskampf und Sinnlosigkeit, die mich immer mehr bedrohte. Da du entschlossen warst, mich nicht hochkommen zu lassen, war ich unter deiner Missachtung lebendig begraben. Nun krieche ich allmählich ans Licht und reibe mir die Augen.
Habe ich immer treu und brav meine Verträge erfüllt? Auch subversiv und hinterlistig war ich in Bezug auf meine geheimen Bindungen. Ich schielte nach Lebensfreude und nach unvergällter Anerkennung. Alle guten Ansätze verfingen sich aber im Flüstern innerer böser Stimmen, die mir die Paragraphen des alten Unglücks übermächtig glaubhaft vor Augen stellten. Ich musste immer wieder nachgeben.
An eigene Kräfte entscheidend zu glauben und von der Ahnung zur Gewissheit überzugehen – das wäre schon Verrat gewesen, Vertragsbruch. Von meiner Therapie mache ich nichts schreiben. Fünf furchtbare, fruchtbare, schlimme, gute Lebensjahre liegen hinter mir. Ich bin denen dankbar, die mir weitergeholfen haben und an den Wendepunkten da waren: Gila, Peter, Armando, Renate, die Lebendige, und vor allem Adrian, der mir mit freundlicher Ironie die Regeln meines bösen Spiels verstehen half. Seither suche ich auf klareren Wegen, was mir lebensnotwendig erscheint: Freude, Anerkennung, Freunde, sinnvolle Aufgaben, Freundschaft mit mir selber.
(Aus: In irrer Gesellschaft – Verständigungstexte über Psychotherapie und Psychiatrie, hrsg. von Kurt Kreiler, Claudia Reinhardt, Peter Sloterdijk, Suhrkamp Verlag, 2. Auflage 1980, S. 9–11).


