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Otto Rank

  • Otto Rank
  • 7. Sept. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Einleitung und Einführung

Otto Rank war ein Schüler Sigmund Freuds, von dem er sich später deutlich distanzierte. Dies begann damit, dass er die psychologische Bedeutung der Geburt und der frühesten Mutter-Kind-Beziehung für die seelische Entwicklung des Menschen herausstellte.

Er entwickelte eine Beziehungs- und Willenspsychologie und stellte das schöpferische, kreative Ich in den Mittelpunkt.

Otto Rank hat „in Fortführung von Nietzsche den Willen als einen freien und bewussten Willen konzipiert, der sich als Erleben der eigenen ursprünglichen Vitalität im eigenen Ich realisiert und eine ‚Idealbildung aus dem eigenen Selbst‘ ermöglicht. Der Mensch konstituiert sich selbst aus sich selbst in einem schöpferischen Willensakt. Deshalb wird bei Rank der Künstler zu einem Grundtypus des schöpferisch kreativen Menschen.“

„Den Dichtern und Künstlern galt auch Freuds besondere Bewunderung, schien es ihm doch, als kämen diese fast mühelos zu den gleichen Erkenntnissen, um die er als Wissenschaftler so mühsam ringen musste. ‚In der Seelenkunde‘, so schreibt Freud, sind die Dichter ‚uns Alltagsmenschen weit voraus, weil sie da aus Quellen schöpfen, welche wir noch nicht für die Wissenschaft erschlossen haben‘.“

„Otto Rank war kein Arzt, kein Naturwissenschaftler, verstand sich als Geisteswissenschaftler und in einem weiten Sinn als Künstler. Der geisteswissenschaftliche Hintergrund und die Künstler-Identität erlaubten ihm, das freudsche Konzept der ‚Heilung durch Bewusstwerdung‘ durch den Gedanken zu erweitern, dass der Mensch das ‚seelische Heil‘ erlangt, wenn er ‚seine volle Schöpferkraft dem Leben und der Lebensgestaltung zuzuwenden vermag‘, wenn er also ‚seine schöpferischen Kräfte direkt in den Dienst der Persönlichkeitsentwicklung‘ stellt und somit ‚das volle Glück der Persönlichkeitsschöpfung‘ erreicht, wie Rank in diesem Buch schreibt.“

Rank öffnet den Blick dafür, dass Kreativität zu den grundlegenden Möglichkeiten des Menschen gehört, die ihn unter anderem dazu befähigen, einen Weg aus der Neurose und psychischer Krankheit zu finden. Die Neurose selbst kann als (gescheiterte) kreative Leistung aufgefasst werden. Rank wirkte anregend auf viele Künstler, Schriftsteller und Philosophen.

(Einführung und Einleitung von Ludwig Janus und Hans-Jürgen Wirth, S. 16–17).

Indem Rank den Beziehungsaspekt im Verhältnis zwischen Therapeut und Patient betonte und dieses als eine Subjekt-Subjekt-Beziehung charakterisierte, nahm er eine Entwicklung vorweg, die heute für nahezu alle psychodynamisch orientierten psychotherapeutischen Schulen maßgebend ist: die Arbeit mit dem Patienten im „Hier und Jetzt“, die Bedeutung, die der Therapeuten-Patienten-Beziehung für den therapeutischen Prozess beigemessen wird, sowie die Charakterisierung der psychoanalytischen Therapie als ein Prozess des „Fühlenlernens“, bei dem „das Gefühlserlebnis (…) zielbewusst und mit Absicht (…) in den Mittelpunkt der therapeutischen Aufgabe gestellt“ wird.

Schließlich wird auch Ranks These, der Therapieerfolg werde weniger durch die therapeutische Technik als durch die Persönlichkeit des Therapeuten beeinflusst, durch die neuere Psychotherapieforschung bestätigt.

(Kunst und Künstler – Einführung und Einleitung von Ludwig Janus und Hans-Jürgen Wirth, S. 18–19).

Otto Rank – Die einzige Therapie ist das wirkliche Leben

Denn die einzige Therapie ist das wirkliche Leben, und der Patient muss leben lernen: leben mit seiner Spaltung, seinem Konflikt, seiner Ambivalenz, die ihm keine Therapie wegnehmen kann; denn selbst wenn sie es könnte, würde sie ihm damit die eigentliche Lebensquelle nehmen.

Je stärker die Ambivalenz ausgeprägt ist, desto mehr Leben und Lebensmöglichkeiten wird der Mensch haben – aber auch brauchen –, wenn er es nur versteht, in Harmonie mit dem Unvermeidlichen zu leben; mit dem Unvermeidlichen in sich selbst, nicht draußen. Dann wird er auch in der Lage sein, die Realität zu akzeptieren, wie sie ist – was aber kein fatalistisches und passives Hinnehmen, sondern ein positives und konstruktives Verarbeiten darstellt.

Schließlich hängt ja alles von der Einstellung des gegebenen Individuums zu gegebenen Faktoren ab, unter denen es selbst die wesentliche Rolle spielt. Und so kann auch die Therapie im Grunde nur eine – schrittweise vollzogene – Neueinstellung zum eigenen Selbst, eine Neubewertung desselben in Bezug auf die Vergangenheit und eine Neubalancierung desselben in und mittels der Realität anstreben.

(Otto Rank: Technik der Psychoanalyse, Bd. 3: Die Analyse des Analytikers, Psychosozial-Verlag, S. 139).

Otto Rank – Persönlichkeitsschöpfung

Alles scheint zu dem Schluss zu drängen, dass wir in einer jener Krisen der Menschheitsgeschichte stehen, in denen es sich wieder einmal darum handelt, auf etwas zu verzichten, um in den vollen Genuss von etwas anderem einzutauschen.

Wenn wir auf den modernen Künstlertypus, wie wir ihn seit der Renaissance auch biografisch näher kennen, zurückblicken, so kann kein Zweifel herrschen, dass die großen Werke der Kunst mit dem Verzicht auf Leben erkauft wurden. Der moderne individualistische Menschentypus wird auf diese Art des Kunstschaffens verzichten müssen, wenn er das Leben wirklich so stark will, wie es den Anschein hat.

Solange dies jedoch mit der Idee des Opfers geschieht, bedeutet es keine Lösung, eher eine Verschärfung des Konfliktes. Denn die Verantwortung wird dann immer auf eine äußere Versagung verlegt, die man bekämpft. Nur eine wirkliche Entsagung vermag diese Opferideologie zu überwinden und im Verzicht nicht eine aufgezwungene Notwendigkeit, sondern eine frei gewählte Entscheidung zu sehen.

Auch dieser Wendepunkt im Leben des einzelnen Künstlers ist zu einer säkularen Krise unseres Zeitalters geworden, in der es darum geht zu erkennen, dass der Verzicht auf überkommene Kunstformen keine Verluste mehr bedeutet, sondern eine Befreiung des Schaffensdranges aus den Fesseln altüberlieferter Ideologien.

Wir haben gesehen, dass der Schaffensdrang sich ursprünglich auf den eigenen Körper bezog und erst allmählich in kollektive Kunstformen objektiviert wurde. Andererseits sehen wir das moderne Individuum – besonders in der Neurose – danach streben, diesen Schaffenstrieb wieder dem eigenen Ich zuzuwenden, um es für das Leben brauchbarer zu machen.

Der neue Menschentypus wird erst jenseits dieser psychotherapeutischen Übergangssituation möglich werden. Der schöpferisch Begabte, der auf den künstlerischen Ausdruck zugunsten der Persönlichkeitsgestaltung verzichten kann, wird den selbstschöpferischen Typus hervorbringen, der seinen Schaffensdrang direkt in den Dienst der eigenen Persönlichkeitsgestaltung stellt.

(Otto Rank: Kunst und Künstler, Psychosozial-Verlag 2000, S. 358–360).

Otto Rank – Der Kulturmensch

Die Hauptaufgabe bleibt, im Sinne der Fortentwicklung der „genetischen Psychologie“, die Darstellung des Hauptfaktors und gleichzeitigen Hauptzuschauers, des individuellen Ichs in seiner Doppelrolle im Erlebnis. Diese besteht darin, dass der Kulturmensch nicht mehr primär einem natürlichen Gegner gegenübersteht, sondern einer von ihm selbst geschaffenen künstlichen Realität, die wir als Zivilisation bezeichnen.

Dieses Phänomen ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis menschlicher Beziehungen zur Außenwelt ebenso wie zum Mitmenschen.

(Otto Rank: Wahrheit und Wirklichkeit, S. 7).

Dass dieses von außen hineingenommene, mittels Identifizierung introjizierte Innen im Lauf der Zeit eine selbständige Großmacht wird, die ihrerseits durch Projektion das Außen so beeinflusst, dass es immer mehr dem Innen entspricht, ist das, was Rank im Gegensatz zur Anpassung als Schöpfung bezeichnet – als Willensphänomen.

(Otto Rank: Wahrheit und Wirklichkeit, S. 8).

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