Eine Lobpreisungsrede auf das Experimentieren in der Gestalttherapie
- Joseph C. Zinker, Ph. D.
- vor 6 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Wenn Fritz heute noch leben würde, wäre er enttäuscht, wenn er sehen würde, wie eine große Zahl kleiner Leute seine Gestaltarbeiten „nachplappert“, als seien sie das letzte Wort in der Psychotherapie. Was viele von uns nicht den Mut hatten, von ihm zu lernen, war sein Erfindungsreichtum, seine Art, in einer menschlichen Situation eine dramatische Lernerfahrung zu ermöglichen. Für Fritz ermöglichten der „heiße Stuhl“ oder das „Top-Dog–Under-Dog“-Spiel Momente der Einsicht, die es zu erforschen galt, um sie dann wieder beiseite zu schieben, damit andere Experimente und Impulse an ihre Stelle treten konnten. Wie alle großen Künstler wurde er durch den Prozess seiner eigenen Kreativität genährt. Sobald ein Gemälde fertig ist, hat es nur noch wenig Bedeutung, weil das nächste aktueller und aufregender ist.
Wenn die Gestalttherapie überleben soll, muss sie für diese Art von integrativem Wachstumsprozess, diese Art von kreativer Großzügigkeit stehen. Sie muss neue Erkenntnisse über unsere Muskulatur, unsere archetypischen Ursprünge, unsere Urschreie weiterhin mit neuen originellen Entdeckungen verknüpfen. Wenn wir, die Lehrer dieses Handwerks, dieses Grundprinzip des kreativen Experimentierens vergessen – die Entwicklung neuartiger Konzepte aus unserem eigenen Mut heraus, aus unserer unerschrockenen Kühnheit –, dann wird die Gestalttherapie mit den anderen zeitgenössischen therapeutischen Modeerscheinungen untergehen. Fritz war uns ein ganz persönliches Vorbild für einen unerhörten Erfindungsreichtum. Gestalttherapie ist die ausgesprochene Erlaubnis, kreativ zu sein.
Unser grundlegendes methodisches Werkzeug ist das Experiment. Das Experiment dringt zum Kern des Widerstands vor; es ist ein elastisches Stützangebot für den Menschen. Das Experiment ist ein behavioristischer Ansatz, um alternative Verhaltensweisen zu erproben. Es kann dieser Person helfen, an ihre blinden Polaritäten, ihre „Schatten“, zu gelangen oder dazu dienen, ihr verrücktes Verhalten zu übertreiben. Das Experiment muss nicht schwer, ernst oder sogar präzise passend sein – es kann theatralisch, urkomisch, verrückt, transzendent, metaphysisch und humorvoll sein. Das Experiment gibt uns die Erlaubnis, Priester, Hure, Schwuler, Heiliger, weise Hexe, Magier und all die Dinge, Wesen und Vorstellungen zu sein, die in uns verborgen sind. Experimente müssen nicht aus vorgefertigten Konzepten entstehen – sie können sich von einer einfachen Freude am Spiel zu tiefgründigen konzeptuellen Offenbarungen entwickeln.
In einer Gruppe, mit der ich gearbeitet habe, verwandelte sich ein einfaches Weihnachtslied in etwas, das sich wie ein Chorwerk von Bach anfühlte. Als unmittelbarer Eindruck wurde das zunächst von den teilnehmenden Therapeuten gar nicht so wahrgenommen, aber dann wurde ihnen bewusst, dass sie etwas Wunderschönes und Transzendentes geschaffen hatten, das über ihre persönlichen Grenzen hinausging. Gestalttherapie ist die Erlaubnis, überschwänglich zu sein, Großartigkeit zu erleben und mit den für uns selbst unvorstellbarsten Möglichkeiten in unserem kurzen Leben zu spielen.
Experimente sind in Gruppen besonders wirkungsvoll, weil sie von der vielfältigen Kreativität einer ganzen Gemeinschaft mitunterstützt werden. Niemand erschöpft sich, und alle werden gestärkt. Gestalttherapie ist keine routinemäßige Wiederholung herabgeleierter Sonnenuntergangsgebete.
Für mich steht sie für alles, was vor mir liegt, für alles, was ein vervollständigtes Erleben verspricht, für die Dinge, die kommen werden und die großartig, beängstigend, tränenreich, bewegend, ungewohnt, archetypisch und wachstumsfördernd sind. Für mich bedeutet sie die vollständige Annahme des Lebens – das Auskosten all seiner subtilsten Geschmacksnuancen.
(Joseph C. Zinker, Gestalt Review, 13(2), 2009, S. 123–124. Reprinted from Voices, January 1974. Übersetzung: Monika Spahl).

