Eine Lobpreisungsrede auf das Experimentieren in der Gestalttherapie
- Joseph C. Zinker, Ph. D.
- 12. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb.
Wenn Fritz heute noch leben würde, wäre er enttäuscht, wenn er sehen würde, wie eine große Zahl kleiner Leute seine Gestaltarbeiten „nachplappert“, als seien sie das letzte Wort in der Psychotherapie. Was viele von uns nicht den Mut hatten, von ihm zu lernen, war sein Erfindungsreichtum, seine Art, in einer menschlichen Situation eine dramatische Lernerfahrung zu ermöglichen. Für Fritz ermöglichten der „heiße Stuhl“ oder das „Top-Dog–Under-Dog“-Spiel Momente der Einsicht, die es zu erforschen galt, um sie dann wieder beiseite zu schieben, damit andere Experimente und Impulse an ihre Stelle treten konnten. Wie alle großen Künstler wurde er durch den Prozess seiner eigenen Kreativität genährt. Sobald ein Gemälde fertig ist, hat es nur noch wenig Bedeutung, weil das nächste aktueller und aufregender ist.
Wenn die Gestalttherapie überleben soll, muss sie für diese Art von integrativem Wachstumsprozess, diese Art von kreativer Großzügigkeit stehen. Sie muss neue Erkenntnisse über unsere Muskulatur, unsere archetypischen Ursprünge, unsere Urschreie weiterhin mit neuen originellen Entdeckungen verknüpfen. Wenn wir, die Lehrer dieses Handwerks, dieses Grundprinzip des kreativen Experimentierens vergessen – die Entwicklung neuartiger Konzepte aus unserem eigenen Mut heraus, aus unserer unerschrockenen Kühnheit –, dann wird die Gestalttherapie mit den anderen zeitgenössischen therapeutischen Modeerscheinungen untergehen. Fritz war uns ein ganz persönliches Vorbild für einen unerhörten Erfindungsreichtum. Gestalttherapie ist die ausgesprochene Erlaubnis, kreativ zu sein.
Unser grundlegendes methodisches Werkzeug ist das Experiment. Das Experiment dringt zum Kern des Widerstands vor; es ist ein elastisches Stützangebot für den Menschen. Das Experiment ist ein behavioristischer Ansatz, um alternative Verhaltensweisen zu erproben. Es kann dieser Person helfen, an ihre blinden Polaritäten, ihre „Schatten“, zu gelangen oder dazu dienen, ihr verrücktes Verhalten zu übertreiben. Das Experiment muss nicht schwer, ernst oder sogar präzise passend sein – es kann theatralisch, urkomisch, verrückt, transzendent, metaphysisch und humorvoll sein. Das Experiment gibt uns die Erlaubnis, Priester, Hure, Schwuler, Heiliger, weise Hexe, Magier und all die Dinge, Wesen und Vorstellungen zu sein, die in uns verborgen sind. Experimente müssen nicht aus vorgefertigten Konzepten entstehen – sie können sich von einer einfachen Freude am Spiel zu tiefgründigen konzeptuellen Offenbarungen entwickeln.
In einer Gruppe, mit der ich gearbeitet habe, verwandelte sich ein einfaches Weihnachtslied in etwas, das sich wie ein Chorwerk von Bach anfühlte. Als unmittelbarer Eindruck wurde das zunächst von den teilnehmenden Therapeuten gar nicht so wahrgenommen, aber dann wurde ihnen bewusst, dass sie etwas Wunderschönes und Transzendentes geschaffen hatten, das über ihre persönlichen Grenzen hinausging. Gestalttherapie ist die Erlaubnis, überschwänglich zu sein, Großartigkeit zu erleben und mit den für uns selbst unvorstellbarsten Möglichkeiten in unserem kurzen Leben zu spielen.
Experimente sind in Gruppen besonders wirkungsvoll, weil sie von der vielfältigen Kreativität einer ganzen Gemeinschaft mitunterstützt werden. Niemand erschöpft sich, und alle werden gestärkt. Gestalttherapie ist keine routinemäßige Wiederholung herabgeleierter Sonnenuntergangsgebete.
Für mich steht sie für alles, was vor mir liegt, für alles, was ein vervollständigtes Erleben verspricht, für die Dinge, die kommen werden und die großartig, beängstigend, tränenreich, bewegend, ungewohnt, archetypisch und wachstumsfördernd sind. Für mich bedeutet sie die vollständige Annahme des Lebens – das Auskosten all seiner subtilsten Geschmacksnuancen.
(Joseph C. Zinker, Gestalt Review, 13(2), 2009, S. 123–124. Reprinted from Voices, January 1974. Übersetzung: Monika Spahl).
Was tue ich als Gestalttherapeut, wenn ich mit jemandem zusammensitze?
Was nehme ich auf? Welches Modell errichte ich innerlich, um eine sinnvolle Intervention zu ermöglichen?
Zunächst einmal schaue ich. Ich sehe einen Mann vor mir sitzen; er beugt sich vor, redet leidenschaftlich, seine Brust ist eingefallen. Ich sehe, dass sich dieser dunkeläugige, feingliederige Mann bemüht, seine Erfahrungen so gut wie möglich zu begreifen.
Ich kann hören: eine Raucherstimme, seine Stimmbänder, die sich in den höheren Lagen anspannen. Ich kann hören, wie er seine Brust verspannt. Ich kann seinen Atem hören. Ich kann mich entscheiden, ihn zu beriechen und zu berühren.
Ich bin mir seiner Sprache bewusst, seiner Knabenphantasie, seiner nervösen Gewohnheit, Lieblingsworte zu wiederholen. Ich bin mir bewusst, dass er zumindest in diesem Augenblick voll davon in Anspruch genommen ist, hier bei mir zu sein. Ich bin mir bewusst, dass wir zu zweit hier sind und dass ein ganzes Heer anderer Charaktere hinter jedem von uns „steht“: unsere Eltern, Onkel, Tanten, Lehrer, Freunde, die uns anstacheln, kritisieren, Erklärungen abgeben, Forderungen stellen, loben, fragen usw.
Ich kann, wenn ich es wünsche, mein Augenmerk auf seine „Krankheit“, seinen Schmerz und sein Missbehagen richten. Oder ich kann seinem Einfallsreichtum, seiner Tüchtigkeit, seinem guten Aussehen Beachtung schenken. Oder ich kann mir all dies gleichzeitig vergegenwärtigen.
Die schiere Quantität der Daten, mit denen ich konfrontiert bin – wenn ich diese Person sehe und höre und rieche und berühre und analysiere und bedenke –, ist überwältigend. Gott sei Dank neigt mein Klient dazu, über die Dinge nachzudenken. Vielleicht werde ich da mit ihm gehen. Denken ist etwas, was ich beitragen kann.
Aber in dem Augenblick, in dem ich nur auf seine Worte reagiere, sehe ich ihn nicht mehr so klar: Mein Eindruck von ihm ist gefiltert durch sein Selbstkonzept oder mein diagnostisches Nachdenken über ihn. Es ist, als ob wir beide zu zwei kleinen schwarzen Kästen würden, die an Sprechwerkzeuge angeschlossen sind. Unsere Augen werden glasig vor Einsichten.
Ich schließe mich der linguistischen Perspektive des Klienten an, begebe mich sozusagen auf die Gleise seines Zuges, lasse mich wie ein Pferd vor den Wagen seiner Wahrnehmungen spannen. Was passiert in der Zwischenzeit mit seiner Brust? Was passiert mit seiner Mutter und seinem Vater, die hinter ihm „stehen“? Was geschieht mit dem „Wir“ im Raum? Wie können wir mit all dem zurechtkommen, ohne zerstreut und verwirrt zu werden?
Ich kann mir ein Bild von diesem Menschen machen, das alles von ihm in diesem Augenblick enthält. Ich beginne mich zu fragen: Was ist sein Thema? Welche Geschichte erzählt er mir? Welche Daten sind nützlich, um mir ein sinnvolles Bild vom Zusammensein dieses Mannes hier mit mir zu machen?
Wenn ich seine Geschichte, seine Stimme und Sprache integriere, die Art, wie er sich zu mir vorlehnt, die Anspannung in seinem Hals und wie er mich verzweifelt anstarrt, dann fällt mir eine Art Flehen auf, als ob er etwas von mir erbäte. Unter dieser Perspektive betrachte ich ihn noch einmal, und ich beginne einige Dinge deutlicher zu sehen, die ich vorhin nur zufällig bemerkte: die Arme, die er zu mir erhebt; die Stimme, die um etwas bittet; der vorgeneigte Kopf auf dem dünnen Hals. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein Vogeljunges mit offenem Schnabel, das die Mutter um einen Wurm bittet. Wo ist die Mama? Wenn da ein Bettler ist – wo sind dann die Leute, die viel hatten, sich aber weigerten, ihm etwas zu geben?
(Joseph Zinker, in: James I. Kepner: Körperprozesse, EHP Verlag, 2010, S. 14–15).
