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Was tue ich als Gestalttherapeut, wenn ich mit jemandem zusammensitze? Was nehme ich auf? Welches Modell errichte ich innerlich, um eine sinnvolle Intervention zu ermöglichen?

  • Joseph C. Zinker, Ph. D.
  • vor 6 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Zunächst einmal schaue ich. Ich sehe einen Mann vor mir sitzen; er beugt sich vor, redet leidenschaftlich, seine Brust ist eingefallen. Ich sehe, dass sich dieser dunkeläugige, feingliederige Mann bemüht, seine Erfahrungen so gut wie möglich zu begreifen.

Ich kann hören: eine Raucherstimme, seine Stimmbänder, die sich in den höheren Lagen anspannen. Ich kann hören, wie er seine Brust verspannt. Ich kann seinen Atem hören. Ich kann mich entscheiden, ihn zu beriechen und zu berühren.

Ich bin mir seiner Sprache bewusst, seiner Knabenphantasie, seiner nervösen Gewohnheit, Lieblingsworte zu wiederholen. Ich bin mir bewusst, dass er zumindest in diesem Augenblick voll davon in Anspruch genommen ist, hier bei mir zu sein. Ich bin mir bewusst, dass wir zu zweit hier sind und dass ein ganzes Heer anderer Charaktere hinter jedem von uns „steht“: unsere Eltern, Onkel, Tanten, Lehrer, Freunde, die uns anstacheln, kritisieren, Erklärungen abgeben, Forderungen stellen, loben, fragen usw.

Ich kann, wenn ich es wünsche, mein Augenmerk auf seine „Krankheit“, seinen Schmerz und sein Missbehagen richten. Oder ich kann seinem Einfallsreichtum, seiner Tüchtigkeit, seinem guten Aussehen Beachtung schenken. Oder ich kann mir all dies gleichzeitig vergegenwärtigen.

Die schiere Quantität der Daten, mit denen ich konfrontiert bin – wenn ich diese Person sehe und höre und rieche und berühre und analysiere und bedenke –, ist überwältigend. Gott sei Dank neigt mein Klient dazu, über die Dinge nachzudenken. Vielleicht werde ich da mit ihm gehen. Denken ist etwas, was ich beitragen kann.

Aber in dem Augenblick, in dem ich nur auf seine Worte reagiere, sehe ich ihn nicht mehr so klar: Mein Eindruck von ihm ist gefiltert durch sein Selbstkonzept oder mein diagnostisches Nachdenken über ihn. Es ist, als ob wir beide zu zwei kleinen schwarzen Kästen würden, die an Sprechwerkzeuge angeschlossen sind. Unsere Augen werden glasig vor Einsichten.

Ich schließe mich der linguistischen Perspektive des Klienten an, begebe mich sozusagen auf die Gleise seines Zuges, lasse mich wie ein Pferd vor den Wagen seiner Wahrnehmungen spannen. Was passiert in der Zwischenzeit mit seiner Brust? Was passiert mit seiner Mutter und seinem Vater, die hinter ihm „stehen“? Was geschieht mit dem „Wir“ im Raum? Wie können wir mit all dem zurechtkommen, ohne zerstreut und verwirrt zu werden?

Ich kann mir ein Bild von diesem Menschen machen, das alles von ihm in diesem Augenblick enthält. Ich beginne mich zu fragen: Was ist sein Thema? Welche Geschichte erzählt er mir? Welche Daten sind nützlich, um mir ein sinnvolles Bild vom Zusammensein dieses Mannes hier mit mir zu machen?

Wenn ich seine Geschichte, seine Stimme und Sprache integriere, die Art, wie er sich zu mir vorlehnt, die Anspannung in seinem Hals und wie er mich verzweifelt anstarrt, dann fällt mir eine Art Flehen auf, als ob er etwas von mir erbäte. Unter dieser Perspektive betrachte ich ihn noch einmal, und ich beginne einige Dinge deutlicher zu sehen, die ich vorhin nur zufällig bemerkte: die Arme, die er zu mir erhebt; die Stimme, die um etwas bittet; der vorgeneigte Kopf auf dem dünnen Hals. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein Vogeljunges mit offenem Schnabel, das die Mutter um einen Wurm bittet. Wo ist die Mama? Wenn da ein Bettler ist – wo sind dann die Leute, die viel hatten, sich aber weigerten, ihm etwas zu geben?

(Joseph Zinker, in: James I. Kepner: Körperprozesse, EHP Verlag, 2010, S. 14–15).

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